Gemeine Stadt.

Eigentum

Boden ist bröckelig

Caca Savic

In einem alten Schulgedicht erzähle ich von einem Garten, in dem ich als Kind wohnte. Weder als dieses Kind noch als jugendliche Dichterin konnte ich mit den Begriffen Eigentum, Besitz oder Miete etwas anfangen. Ich merkte aber, dass sich etwas änderte, als wir plötzlich ausziehen mussten und meine Eltern meinten, es sei nur übergangsweise, weil sie später alles kaufen würden. Vor 35 Jahren, als sie die Vorstellung von einem Anspruch hatten, Eigentümer, Dagelassene, Hiergebliebene zu werden. Dass einige Ausländer in Österreich damals kein Recht auf Eigentum hatten, dass Bürger bestimmter Staaten nicht ihre Staatszugehörigkeit multiplizieren und ihre Verortlichung ändern konnten, wusste ich nicht.

An einem Tag im fladenartig ausgebreiteten Dorf läuft mein Onkel Grundstücke ab, misst jedem Schritt einen bestimmten Wert zu und leitet daraus sein Recht auf etwas ab. Er will sein Eigentum betreten und vertritt sich in seinem Anspruch darauf. Im Weggehen wird ein Boden gegen viele sich abwechselnde ausgetauscht. Immer wieder und unaufhörlich, wenn man sich bewegt. Im Gegensatz dazu steht das statische Eigentum. Ein Boden mit einem Haus und einem Zaun, eventuell doppellagig.

In meiner Umgebung sind viele mit dem Thema Wohneigentum beschäftigt. Ein beachtlicher Teil hat bereits geerbt oder wird einmal erben und ist damit beschäftigt, diese Werte zu nutzen, anzulegen, zu verwandeln, jedenfalls zu vermehren. Vor kurzer Zeit wusste ich von vielen meiner Freunde gar nicht, dass sie Erben sind, und mir war auch nicht klar, was das bedeuten kann, geerbt zu haben. Gemeint ist nicht ein vererbtes Möbelstück oder ein Teppich, sondern unbewegliche, schwere Massen, Immobilien. Untersuchungen belegen, dass sich solche Entwicklungen auf die Zusammensetzung von Stadtbevölkerungen auswirken. Mieter befürchten mit Recht, verdrängt und abgehängt zu werden.

Wo ich mich hinlege, entsteht ein Kein-Platz für jemand anderen. Mein Körper ist die pure Verdrängung, zeichnet den Umriss und die Macht meines Territoriums. Mein Text wird zu einem Zustand, der in sich die Zeichnung der Anlage trägt und nach außen die Wirkung als Grenze zieht. Verteidigen darf ich auf Gedeih und Verderb. Eigen, das aus Verdrängung des Nicht-Eigen entsteht.

Für mich ist Eigentum maximal eigenartig eigentümlich.
Eine Zeit lang kam ich regelmäßig an einem großen sandsteinfarbenen Gebäude vorbei. Es ist so groß, dass es beinahe alleine einen ganzen Straßenblock bildet. Herrschaftlich, dominant. Seitlich hängt ein blasses Schild als Flankendeckung und zeigt, dass dort eine Rechtsanwaltskanzlei für Erbschaftsfragen sitzt. Ein Gebäude, so groß wie zwei Biedermeierwohnhäuser, nur für Erbschaftsangelegenheiten. Die Bedeutung dieser Sparte verlangt nach dieser Gebäudegröße.

Erbschaften trennen die Menschen in Eigentümer und Nicht-Eigentümer und verweisen dadurch noch einmal schärfer auf die jeweilige Klasse.
Meine Eltern glaubten noch dem Leistungsversprechen, das heute längst entlarvt ist. Sie blieben in der Klasse der Nicht-Eigentümer und ich werde Nicht-Erbin und deshalb Nicht-Eigentümerin sein.
Eine Zeit der zurückgedrängten Institutionen und des gestärkten Individualismus ist von der Hinwendung des Einzelnen zu sich selbst geprägt. Es heißt alltäglich „mein Körper, mein Kind, mein Geld, meine Zeit, mein Eigentum“. Die Betonung des Pronomens kann man als Hinweis auf den Ehrgeiz, für sich das Beste herauszuholen, lesen. Dies kurbelt den Verdrängungswettbewerb weiter an.
Mein Eigentum schützt mich vor anderen. Dort wo mein Eigentum sich ausbreitet, ist kein Platz mehr.

Beim Nachdenken über die Begriffe, komme ich von „Eigentum“ und „Besitz“ über „mein“ und „gehören“ zu „Familie“ und wieder „Besitz“, und schließlich zu „Herkunft“. Hier hört es auf statisch zu sein, wird bewegt und beweglich. „Gehören“ mündet sofort in „dazugehören“.

Erst die Beweglichkeit referiert auf meine Herkunft. Eine Wegbewegung wird zu einer immerwährenden Zuwendung, vor allem zu verschiedenen Dus.
Mit je einem Bein bin ich in einer Menge. Hier stehe ich und das gehört einem Du, das sich dort mit einem anderen Du verständigt, offensichtlich nicht mit mir.

So wie der Körper seine Symmetrieachse auf der Grenze zwischen dem Du und einem Du hinter mir hat, zwischen verschiedenen Mengen, so ist das Verhältnis ein Aufeinanderstoßen. Da steht die unbeantwortete Frage nach „wessen“ stellvertretend für die Frage nach Abstammung.

Es gibt keine Sammler, die mich als Fallobst auflesen werden. In solchen Augenblicken beginne ich nach Hälften zu suchen, die zueinander finden. Dort wo der eine Weggang bereits den nächsten Weggang voraussagt.
Und in meinem Körper fallen Teilchen zu Boden, werden unauffindbar. Und dieser Boden verändert sich, wird Fußsohle und Laufbahn, Fernstraße und Sandbank.

Digital Nomads sind auf Dauertour durchs Land und als neuer bürgerlicher Lebensentwurf ausgestattet mit Wlan, Laptop und tip-top ausgebautem Minivan. Es scheint, dass sie außer Flip-Flops, Daunenjacke, Shorts und Sonnenbrille kaum etwas brauchen. Sie sind über die Welt da draußen informiert und in ihr verbunden, bewegen sich von einem Kaffeeröster zum nächsten abgelegenen Strand und teilen ihre Geschichten und Erfahrungen in den Sozialen Netzwerken. Allein, zu zweit oder sogar als Familie. Und in einem Moment gefällt es mir, wie sie zeigen, dass es auch ohne Anspruch auf ein statisches Eigenheim geht. Doch plötzlich stellt sich die Frage: Und wann werdet ihr etwas erben?

Mein Eigentum ist teilbar, war schon immer geteilt. Zwischen Her- und Ankunft, auf dem Weg befindlich, in Säcken abgepackt und aufgeladen. Es darf an dieser Stelle vermutet werden, dass die Autorin mit Eigentum, wie es hier besprochen wird, keine Erfahrung hat. Woher auch? Wird das Wissen über Eigentümerschaft etwa auch vererbt?

Das Wohneigentum ist als finanzieller Wert ein Teil der Altersvorsorge geworden. Solch einen Anspruch auf den Boden, der mir laut Zugehörigkeit mitgehört, kenne ich nicht. Überall bin ich für kurze Zeit, eine Stipendiatin mit Mindestsalär.

Mein schwärmerisches Gedicht über den Garten entstand aus jugendlicher Nostalgie zu einem verlassenen „Dort“, an dem früheste Erinnerungen hängen.
Heimat als Boden ist bröckelig, ein nicht bebaubarer Untergrund. Aleksander Hemon schreibt, dass die Idee von Heimat nicht ohne Nostalgie funktioniere. Auswanderungsgeschichten bieten eine Fülle von Identitäten, wurzelnd in vielen Heimaten, die konzentrische Kreise bilden.1Aleksander Hemon, Meine Eltern / Nicht alles dein Eigen, Berlin: Claasen 2021
Und so gestaltet sich mein Begriff von Eigentum in einen von Bewegung und etwas Fluidem. Erst wenn der Boden verlassen und ausgetauscht ist, entsteht die Vorstellung von etwas Beständigem. Der Wunsch nach Stabilität und Sicherheit, nach Eigentum.

Unsere Vorstellung von Wohlstand ist davon geprägt, wie sicher wir uns fühlen, und das wiederum scheint von Eigentum, Eigenständigkeit abhängig zu sein. Vielleicht können wir diese Bindungen auflösen und Wohnen als kollektives Gemeindeeigentum etablieren, Wohnen dem Profit entziehen. Also zurück zu Gemeinschaftseigentum und weg von Einhegung.

Im Hier-Da-Dort befindet sich die gesamte Erzählung. Wird einer ausgerufen, dreht sich der Blick in eine bestimmte Richtung, baut das Auge sich ein Bild auf, sammelt das Ohr sich Geräusche ein. Der Mittelsinnbereich verknüpft alles und spuckt die Karte der Zuschreibungen aus.

„Mein Eigentum ist teilbar, war schon immer geteilt. Zwischen Her- und Ankunft, auf dem Weg befindlich, in Säcken abgepackt und aufgeladen.“


1. Aleksander Hemon, Meine Eltern / Nicht alles dein Eigen, Berlin: Claasen 2021

Literatur