Gemeine Stadt.

Spannung

Die Spannung knirscht und knistert

Anna-Lena Wenzel

Ende Oktober 2025. Eingeladen von Sabrina Dittus und Kathrin Wildner kommt eine kleine Gruppe von Menschen im Nachbarschaftszentrum Dammweg 216 zusammen. Es ist das zweite Treffen zum Thema „Spannung“ im Kontext des Projektes „Gemeine Stadt: Berlin gemeinsam gestalten“. Bereits bei der Auftaktveranstaltung im Mai ging es darum, was Spannungen sind, wo sie uns begegnen, begleitet von Übungen, wie man mit ihnen umgehen und sie transformieren kann. Der gewählte Ort ist bereits Programm: Die als Zukunftskiez geförderte Institution befindet sich auf dem Gelände einer ehemaligen Gartenarbeitsschule und umfasst 1,4 Hektar Fläche inklusive Gewächshäusern und einem denkmalgeschützten Pavillon nach Entwürfen des Architekten Bruno Taut aus dem Jahr 1918. In der unmittelbaren Nachbarschaft liegen die Weiße Siedlung und die High-Deck-Siedlung, laut Mitarbeiterin Kathrin Dröppelmann „die ärmste Nachbarschaft Berlins; zu arm, um gentrifiziert zu werden.“ Staunend gehe ich, eine der eingeladenen Teilnehmer*innen, über das weitläufige Areal, durch den gepflegten wie verwunschenen Garten. Als ich im Hintergrund die weißen Hochhäuser erblicke, ploppen trotz der friedlichen Szenerie vor meinem inneren Auge fast automatisch Comicblasen mit reißerischen Negativ-Schlagzeilen auf.

Die Gruppe, die sich im Herbst trifft, umfasst (Stadt-)Aktivist*innen, Künstler*innen und Akademiker*innen und eine Person, die in der Nachbarschaft wohnt. Es gibt Tee und Snacks, und nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellungsrunde verteilen wir uns in Kleingruppen. Vor dem Treffen waren wir aufgefordert worden, ein Objekt oder eine Geschichte mitzubringen, die für uns Spannung verkörpert, nun tauschen wir uns über das Mitgebrachte aus. Ich habe einen Pullover dabei, auf den eine Freundin eine halbe, angebissene Melone aufgenäht hat. Seit dem 7. Oktober 2023 hat er seine Unschuld verloren und verkörpert für mich die Spannbreite von Konflikten, die mit dem Israel-Palästina-Krieg verbunden sind, wie den Druck, sich positionieren zu müssen, und die verhärteten Fronten in den Diskussionen, die das differenzierte und empathische Sprechen erschweren.

Eine Person erzählt von der unaushaltbaren Spannung, die sie verspürte, als im letzten Winter eine Person mit offensichtlich psychischen Problemen sich eine Schlafstätte vor ihrer Haustür eingerichtet hatte und immer wieder anfing, laut zu schreien. „Es war kaum möglich, mit der Person zu sprechen und Hilfe anzubieten, aber es war auch nicht möglich, nachts ruhig zu schlafen.“

Eine weitere Person erzählt, wie dey auf dem Bürgersteig an zwei Männern vorbeigehen musste, die sich extra breit machten, als sie dey kommen sahen. „Auf dem Rückweg fühlte ich mich unwohl und habe die Straßenseite gewechselt.“

Eine dritte Person berichtet, wie sie Zeugin eines verbal ausgetragenen Konflikts wurde. Die Aggression der beiden Streitenden zu spüren, hätte sie dabei genauso mitgenommen, wie die Erfahrung der Hilflosigkeit, weil sie nicht wusste, wie sie hätte eingreifen können. „Ich hatte das Gefühl, die wollen aneinander vorbeireden. Das hat mich total traurig gemacht.“

Eine vierte Person berichtet von ihrer Praxis als Grafikerin und wie sie manchmal bewusst Spannungen in der Gestaltung einsetzt: „Wenn es quietscht, ist es gut, dann zieht etwas den Blick und die Aufmerksamkeit an.“

Kathrin Dröppelmann, die seit 2024 als Koordinatorin im Zukunftskiez arbeitet, nickt. Sie kann Spannungen ebenfalls etwas abgewinnen: „Wer will schon in einer Welt leben, die voll von Harmonie ist, das ist doch langweilig. Es ist doch schön, immer wieder auch so geschüttelt zu werden, weil: Nur so erfahre ich mich selber“. Allerdings sei das Moderieren und Halten der Spannungen, die durch die unterschiedlichen Nutzer*innen des Nachbarschaftszentrums auftreten, auch belastend, was u.a. damit zu tun habe, dass diese Art der Arbeit so schwer in Wert zu setzen und gegenüber der Politik zu vermitteln sei, so Dröppelmann. Bei ihren Tätigkeiten vor Ort hätte sie gelernt, wie entscheidend es sei, unterschiedliche Perspektiven zu akzeptieren. Dazu gehöre es, sich zu artikulieren, ohne bevormundend oder parteiisch zu sein: „Es ist gut, von sich auszugehen.“1Vgl. Sabrina Dittus im Gespräch mit Kathrin Dröppelmann

Während wir uns in den Kleingruppen austauschen, wird ein Buffet mit Essen bestückt, und wir nehmen am großen Tisch Platz, um gemeinsam zu schmausen. Fatma Savun, die regelmäßig für den Zukunftskiez kocht, trägt anschließend ihren Teil zum Abend bei, indem sie ein kurdisches Lied vorträgt. Mit ihrem melancholisch-kraftvollen Gesang zieht sie uns in ihren Bann – und baut eine Brücke über die unterschiedlichen Sprachen hinweg, denn auch mit Worten, die ihren Zuhörer*innen unverständlich sind, transportiert sie eine Stimmung und eine Botschaft.

Ich ziehe ein vorläufiges Resümee:

Es gibt die zwischenmenschliche Spannung – Konflikte, die entstehen, weil man unterschiedliche Erwartungen und Selbstverständlichkeiten hat, sich missversteht, aneinander vorbeiredet, sich nicht ausreden lässt oder nicht dieselbe Sprache spricht. Sie klingt nach einer verstimmten, quietschenden Geige.

Es gibt die brodelnde Spannung – ein auf Wut oder Sorge aufbauender Ärger im Angesicht von globaler Ungerechtigkeit oder anhaltenden täglichen Diskriminierungserfahrungen. Der Ärger wird durch das Gefühl von Hilflosigkeit verstärkt. Sie klingt dräuend und ist von Trommelschlägen untermalt.

Es gibt die aufregende oder produktive Spannung – eine erhöhte Aufmerksamkeit oder geschärfte Wahrnehmung, die sich einstellt, wenn man etwas zum ersten Mal erfährt oder wenn jemand eine andere Meinung vertritt, die einen neugierig macht und einen herausfordert. Man könnte auch von einer durchlässigen Spannung sprechen, weil es eine Bereitschaft des Zuhörens und des Einlassens gibt. Sie klingt wie ein loderndes Feuer – gleichmäßig knisternd und doch immer wieder durch ein Knacken unterbrochen.

Es gibt die verkörperte Spannung – eine in den Körper gefahrene Spannung, die sich als Anspannung und Muskelverhärtung zeigt, die zu flatternden Nerven und schmerzhafter Migräne führen kann. Sie klingt wie ein Tinnitus.

Ich muss an meinen Besuch der Migrationsagentur in Naumburg denken: Schon der misstrauische Security-Empfang und die Vorstellung, wie hier Klienten zu Bittstellern werden, machen mich beklommen. Als im Eingangsbereich mehrere Mitarbeitende die Abläufe und ihre Aufgabenbereiche erklären, gesellt sich spontan der Leiter der Einrichtung dazu. Er erklärt das an sich sinnvolle Konzept, verschiedene Institutionen, wie die Ausländerbehörde und die Agentur für Arbeit, unter einem Dach zu versammeln, und spricht gleichzeitig von der aufgeheizten politischen und öffentlichen Stimmung, die die eigene Arbeit erschweren würde. Ich spüre, dass auch die Stimmung im Team der Einrichtung angespannt ist. Während wir bei einer Führung einen Einblick in den Arbeitsalltag der Migrationsagentur bekommen und mal auf empathische, mal auf bürokratisch orientierte Mitarbeitende treffen, bemerke ich, wie es in einigen Teilnehmenden unserer Besucher*innengruppe brodelt, was sich in scharfen Fragen äußert. Als wir wieder draußen sind, atmen wir kollektiv aus und schütteln uns, um die Anspannung wieder los zu werden.

Nach dem Essen geht die Diskussion weiter. Eine Person behauptet, wir würden keine Spannung mehr aushalten und sagt das mit einem gewissen Bedauern. „Weil wir es nicht mehr gewohnt sind, Konflikte auszutragen?“, frage ich nach und verweise darauf, dass man das auf verschiedene Arten interpretieren kann: als Abstumpfung oder Vermeidung, oder aber auch als Folge einer Sensibilisierung, die uns lehrt, frühzeitig zu intervenieren, wenn wir spüren, dass uns etwas „die Luft zum Atem nimmt“ oder uns etwas „gegen die Wand fährt“.

Ich erinnere mich an die Aussage „Tut weh, machen wir aber“ von Arne Semsrott im Gespräch mit Max Czollek bei einem Talk im HKW2Das Gespräch fand am 26.3.2025 statt.. Semsrott ist Journalist und Aktivist, der bei Plattformen wie FragDenStaat oder LobbyControl mitgewirkt hat. Seine Aussage legt nahe, dass es zum Aktivismus gehört, Widerstand (sei es in Form von Polizeigewalt, Strafverfolgung oder einer polarisierenden Stimmungsmache) auszuhalten. Gleichzeitig berichtet er davon, dass ihn die Initiative Freiheitsfonds3Die Initiative Freiheitsfonds setzt sich dafür ein, den Straftatbestand von Schwarzfahren aufzuheben und kauft finanziert über Spenden Menschen aus Gefängnissen frei, die wegen Schwarzfahrens verurteilt worden.viel Kraft kosten würde, weil er dabei mit persönlichen Schicksalen konfrontiert wird, denen er nicht immer gerecht werden könne. Diese persönliche Aussage klingt ungewöhnlich aus dem Mund eines Aktivisten, der eloquent Missstände anprangert und mit Politiker*innen um Gesetzesänderungen ringt. Aber sie verweist auf einen Aspekt, der beim Hochhalten einer unnachgiebigen Haltung nicht vergessen werden sollte: Selbst jemand wie Arne Semsrott hat nur begrenzte zeitliche, finanzielle und emotionale Kapazitäten, obwohl er in einem Team von Leuten arbeitet, die ihn stützen und ihn z.B. rechtlich beraten. Zuzugeben, dass das Maß an ertragbarer Spannung an ein Ende gelangen kann, finde ich einen wichtigen Schritt hinsichtlich Selfcare und eines Eingestehens der eigenen Vulnerabilität.

Differenz oder Homogenität?

Wie geht man also mit Spannungen um, die man bei sich und bei anderen beobachtet? Gilt es sie auszuhalten, sie miteinander auszuhandeln oder zu lösen? In den Gesprächen am Abend wird deutlich, wie verschieden die Teilnehmer*innen auf Spannung reagieren und mit ihr umgehen. Auf dem Nachhauseweg denke ich, dass manchmal weniger die Differenz als vielmehr die Homogenität das Problem ist. Denn tatsächlich ist der ganze Abend total harmonisch verlaufen. Wir sind großzügig eingeladen und bekocht worden, es gab weder Streitgespräche noch kam es zu Spannungen unter den Teilnehmenden. Statt mit steilen Thesen und Dissonanzen zu provozieren, haben die Veranstalterinnen einen respektvollen und gastfreundlichen Rahmen geschaffen, um über das Thema zu reflektieren. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn die Nachbar*innen aus der Kleingartenanlage eingeladen worden wären, die sich regelmäßig beschweren, die Nutzer*innen des Nachbarschaftszentrums wären zu laut? Oder die Schüler*innen der Sonnen-Grundschule, die ab und zu Steine auf die Gewächshäuser werfen und eine „ganz andere Sprache“ sprechen als wir Erwachsenen? Wie hätte sich ein Vertreter vom Bezirk verhalten, wenn er bei dem Treffen mit der unsicheren Perspektive des Zukunftskiezes konfrontiert worden wäre? Und hätte sich jemand von der Adler Immobilien Management GmbH dem Frust der Bewohner*innen der Weißen Siedlung gestellt?

Anders gefragt: Wie schafft man ein inklusives Format, das verschiedene Hintergründe, Interessen und Sprechweisen in einem Dialog zusammenbringt, ohne dass eine Position die Deutungshoheit behält und von vornerein klar ist, welche Meinung erwünscht und welche problematisiert wird? Wie hält man die Spannung, die durch widersprüchliche Meinungen, unterschiedliche Arten des Sprechens und der Präsenz entstehen kann, ohne dass sie in den Tumult und ins Verletzende kippt? Aus meiner Perspektive bieten sich tatsächlich solche, bei den beiden „Gemeine-Stadt“-Veranstaltungen zum Thema „Spannung“ angebotenen Formate, zum Beispiel das gemeinsame Essen, Spaziergänge oder Mitmach-Übungen wie das Boxtraining an, bei denen ein Raum geteilt wird und die Körper ins Spiel kommen. Hierbei kann sich Expertise verschieben und verteilen, so dass Teilhabe auch ohne höhere Sprachkompetenz und größeres Referenzwissen möglich wird.

Was noch hilft, um einen Umgang mit Spannung zu finden, sie zu benennen und sich zu ihr zu verhalten, ist Humor. Das schlagen jedenfalls Yves Mettler und Ayumi Rahn vor, zwei weitere Teilnehmer*innen, die sich schon länger mit Widersprüchen beschäftigen: Während Yves Mettler Humor als eine Möglichkeit stark macht, Widersprüche geltend zu machen, ohne sie aufzulösen, sieht Ayumi Rahn in Humor ein Mittel, um Gelassenheit im Umgang mit Widersprüchen zu üben. „Es ist fast so, als ob der absurde Humor eine Brücke zwischen dem Unvereinbaren schlägt – als ob das Lachen über das Paradoxe uns die Kraft gibt, das Unlogische nicht nur zu akzeptieren, sondern es auch zu genießen. Wie in diesen surrealen TV-Shows, bei denen alles völlig aus dem Ruder zu laufen scheint – nichts scheint mehr Sinn zu ergeben, und doch bleibt alles leicht und verbunden.“4Yves Mettler und Ayumi Rahn im Dialog, in: InterViews, November 2024, Heft 17 und 18, o. S.

Widersprüche – oder Spannungen – müssen weder festgehalten noch aufgelöst werden, wenn es gelingt, ihnen den unversöhnlichen Ton und die Vehemenz der Unbeirrbaren zu nehmen – indem sie in einem gastfreundlichen Rahmen gehalten, von Humor begleitet oder durch verbindende Momente ergänzt werden.

The public domain is not evident. It is a source of conflict between residents, developers, and government. […] The question for me became to create places in which we, in discussion with one another, can face up to the confrontation in order to address one another as co-producers of the city.”

Jeanne van Heeswijk
Gewächshaus auf dem Gelände des Nachbarschaftszentrums Dammweg 216. Foto: Kathrin Wildner

Fußnoten