Gemeine Stadt.

»Home« / Zuhause

Ein Zimmer zum Schreiben

Ruth Johanna Benrath

Das Zimmer der Autorin wird jeden Morgen zum Schreib- und Denkraum, in dem sie trotz räumlicher Begrenzung Momente der Entgrenzung sucht. An diesem Schauplatz öffnet sich ihr Blick nach außen, so dass sie ihre Gedanken zwischen dem, was in ihr vorgeht, und dem, was sie umgibt, hin und her schweifen lässt. Ihr Zimmer ist ein Sprungbrett zur Welt, ein verletzlicher Ort der Konzentration, die gerade in der Großstadt höchst störanfällig ist. Da sind all die Sounds der Stadt und die eigenen Geräusche, wie eine ganze Klanglandschaft um das Zuhause, um ihren Raum. Ihr Schreibtisch ist ein Ausguck, eine Schnittstelle, ein Kommunikationsraum, in dem sie um ihre Verortung ringt und von dem aus sie ihre Botschaften in die Welt schickt, in die laute gemeine Stadt.

„Zuhause was ist das / ziehende Wolken / ein Morgen aus Fragen / dagegen anschreiben / Ruhestörung durch mein eigenes Herz / es trommelt zu laut / du kannst es nicht / hast nicht die Nerven dazu …“

1
Zuhause was ist das
ziehende Wolken
ein Morgen aus Fragen
dagegen anschreiben
Ruhestörung durch mein eigenes Herz
es trommelt zu laut
zischelnde Stimmen
du kannst es nicht
hast nicht die Nerven dazu
auf andere Gedanken kommen
Blick aus dem Fenster
Wind, mehr brauchst du nicht
zuhause im Nirgendwo
weiche wattige Wolken
zuhause in der Sprache
Sonne auf dem Papier
aufleuchtender Tag

2
Haus, groß, unzählige Fenster
jedes ein Gesicht
hinter den Vorhängen ganze Romane
ich bin in meinem Zimmer eingehüllt
von Regen
kein Sitzfleisch
meine Homies sind:
Stuhl, Stift, Papier
mein Hausmeister ist streng
hat die Sonne abgestellt
verbietet Hunger und Durst
ich schließe das Fenster
Alleinsein
die Aufgabe des Tages

3
Himmelsauschnitt grau
ich und der Schreibtisch
unendliche Mühe
zuhause am Nullpunkt
dort wo der Atem pausiert
ich brauche ja
ich brauche ja gar keine Menschen
um mich herum
beim Schreiben
nur ein Zimmer für mich allein
und kein
Radiogebrüll
Martinshorn
Baugerüst
die Stadt überhören
Sonne hievt sich übers Häusermeer
jeden Tag aufs Neue stranden
auf diesem Pflaster

4
Brummen und Dröhnen
Gebrüll der Flugzeuge
Gurren der Stadt
Hinterhof, Treffpunkt Mülltonne
bis der Stift endlich spitz ist
anschwellende Geräusche
Rauschen, Poltern, Hund
und wieder abschwellend
Poltern verliert sich in der Ferne
Fließen, Rauschen, Großstadt
Möglichkeiten
Hoffnungen

5
Wochenbeginn,
Formtief
ausgerechnet heute
habe ich eine Verabredung
mit mir selbst
Terminierung
Maß
zugezogener Himmel
wir machen das alles
nochmal von vorn
Heizungsrauschen
Stimmen auf dem Hof
man kann Jahre hindurch
an derselben Stelle sitzen
(und kann es nicht)
Schweißausbruch
nicht im Lot
Geräusche aller Art
stören
aber
am Fenster gegenüber
erscheint jetzt
die Nachbarin in rosafarbenem Hemd
also gut, also gut
lass alles so