Die Weiße Siedlung im Berliner Bezirk Neukölln, die an den Zukunftskiez Dammweg grenzt, gilt als eine der ärmsten Gegenden Berlins. Sie ist eine typische Großsiedlung, die in den 1970er Jahren im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus entstanden ist.
Aufgrund der markanten Baustruktur hebt sich das Quartier von den umliegenden Gebieten ab, seine weißen, bis zu 18-geschossigen Wohnhochhäuser sind weithin sichtbar. In den insgesamt knapp 1.700 Wohnungen leben ca. 4.300 Menschen. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund liegt in der Weißen Siedlung deutlich über dem Durchschnitt von ganz Neukölln.
2016 wurde der Gebäudebestand an ein großes deutsches Wohnungsunternehmen verkauft. Seither klagen viele Mieter:innen über desolate Zustände in Wohnungen und Häusern. 2024 haben sie sich in der Kiez-Initiative Weiße Siedlung zusammengeschlossen, um sich gegen den Eigentümer zur Wehr zu setzen.

Sabrina Dittus: Du engagierst Dich ehrenamtlich in der Weißen Siedlung. Was genau machst Du?
Kati*: Ich wohne jetzt schon knapp 27 Jahre in der Weißen Siedlung und habe angefangen, mich ehrenamtlich zu engagieren in der Sonnen-Grundschule, in die meine Kinder gegangen sind. Da war ich Elternsprecherin und in verschiedenen Gremien aktiv. Dann wurde ich irgendwann gefragt, ob ich im Quartiersmanagement Weiße Siedlung mitarbeiten möchte, das gerade neu gegründet wurde. Und über das Quartiersmanagement bin ich zur Kiez-Initiative Weiße Siedlung gekommen.
Worum geht es in der Kiez-Initiative Weiße Siedlung?
Die Kiezinitiative gibt’s jetzt so 2 1/2 Jahre und inzwischen läuft das ganz gut. Wir haben uns gegründet, um uns zusammen zu tun gegen unseren Vermieter, also die Wohnungsbaugesellschaft, die für uns hier zuständig ist. Es geht darum, über die Probleme, die hier entstanden sind, wie zum Beispiel die fehlende Instandsetzung, die ja Vermieterpflicht ist, besser miteinander kommunizieren zu können und zu erreichen, dass der Vermieter endlich mal seinen Pflichten nachkommt.
Wir haben auch schon einige Sachen erreicht, es laufen inzwischen regelmäßig Gespräche mit dem Vermieter. Wir hatten etwas Anlaufschwierigkeiten, ihn überhaupt an den Tisch zu bekommen, aber wir haben‘s dann geschafft. Und ich habe das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg sind, mit denen zu verhandeln.
Warum engagierst Du Dich so stark in der Kiez-Initiative?
Ich mache das, weil ich möchte, dass sich was ändert. Und dass ich nicht ständig zum Anwalt rennen und mich gegen alles wehren muss, was der Vermieter macht oder nicht macht. Weil ich auch als Mieter Rechte habe. Ich habe das Recht, dass bestimmte Sachen repariert werden und instandgesetzt werden. Dass meine Betriebskosten nicht permanent zu hoch sind und ich auch nicht meine Miete zahlen muss für eine Wohnung, die eigentlich keine Wohnung mehr ist, weil es einen Haufen Schäden gibt und Heizungen, die nicht funktionieren im Winter. Auch im Haus sind viele Sachen nicht in Ordnung, die aber nicht instandgesetzt werden, die Reinigung funktioniert nicht, usw. Da könnte ich jetzt eine lange Liste aufzählen.
Wie ist es für Dich, hier zu leben?
Also inzwischen macht es keinen Spass mehr, hier zu leben, weil ständig irgendwas ist, ob in den Wohnungen oder in den Häusern. Es ist dreckig, es gibt Ratten, Schimmel in den Wohnungen, ständig Wasserschäden, Brandschäden, also alles, was man so sich vorstellen kann oder auch nicht. Früher war’s schöner. Als ich eingezogen bin, da fand ich es toll. Seitdem wir jetzt diesen neuen Vermieter haben, hat sich das leider drastisch geändert. Ja, also das braucht kein Mensch mehr.
Wie würdest Du die Weiße Siedlung beschreiben, was sind die Besonderheiten, im Positiven wie im Negativen?
Naja, der Vermieter ist schon ein Problem. Das ist definitiv eine grosse Anspannung für die Bewohner hier in der Siedlung, immer so auf Abruf sitzen zu müssen – „Ah, brennt heute mal wieder der Keller“ oder: „Wasser steht im Keller. Ah, Rohrbruch“. Oder: „Ah, bei dem kommt die Jauche aus dem Klo“. Oder: „Ach, naja, die Jauche kommt aus dem Waschbecken in der Küche, sehr lecker.“ Oder: „Wo war wieder mal ein Einbruch?“ Die Leute sind dann natürlich sehr angespannt. Und ich habe ehrlich gesagt überhaupt keinen Bock mehr darauf. Es geht mir sowas von auf den Keks. Also, ich kann dazu gar nichts Positives mehr sagen, weil man ständig durch diese ganzen Probleme unter Strom steht.
Hat sich die Situation mit dem neuen Eigentümer merkbar verschlechtert?
Mit dem vorigen Eigentümer hatten wir sicher auch Probleme, aber niemals so extrem. Das ist jetzt nicht alles bei dem neuen Vermieter ganz, ganz anders geworden, und viel, viel, viel schlimmer, teilweise gab‘s die Probleme vorher auch schon, Aber das, was jetzt abgeht, ist sowas von unmenschlich, das geht gar nicht. Wir sind auch gefühlt nur noch ’ne Nummer und der Rest: „Nach mir die Sintflut“. Und da versuchen wir eben die ganze Zeit gegen anzugehen, und ich glaube, dass wir jetzt langsam auch erfolgreich sind in der Kiezinitiative.
Warum bist Du gerade zuversichtlich und was könnte sich verändern?
Es ist so, dass wir inzwischen mit dem Vermieter am Tisch sitzen und mit ihm reden können. Und dass wir versuchen, eine gute Zusammenarbeit hinzubekommen. Der sollte ja nicht immer so von oben herab kommen, sondern man sollte natürlich auch die Mieter als Menschen behandeln, das versuchen wir jetzt so hinzukriegen. Und es tut sich einiges in der Siedlung. Also wir haben schon kleine Sachen, die jetzt gemacht werden, wie zum Beispiel Fahrstühle oder auch Strangsanierung, oder eben auch, dass das Rattenproblem oder ein Müllproblem angegangen wird. Also der Vermieter hört uns jetzt schon zu. Wir hoffen, dass er es ehrlich meint und dass noch mehr passiert.
Wie erlebst Du das Miteinander unter den Bewohner:innen hier?
Ich habe hier ganz viele Freunde, ganz viele Menschen, die ich sehr mag, egal welcher Nationalität. Diese verschiedenen Nationalitäten finde ich sehr interessant, und ich bin da auch immer sehr offen für. Es ist eigentlich so eine Bereicherung, und ich setze mich auch immer sehr dafür ein, dass da Gerechtigkeit hergestellt wird.
Erlebst Du Spannungen in der Siedlung?
Ja, es gibt Spannungen, mit Sicherheit. Das bleibt ja auch nicht aus, sowohl persönlich als auch in Familien oder Einrichtungen, es gibt immer mal Spannungen. Und es ist oft schwierig, auch untereinander, dass die Leute Verständnis entwickeln für verschiedene Kulturen, das erlebe ich oft, obwohl es eigentlich ganz einfach ist. Bestimmte Sachen sind eben, wie sie sind, da muss man nicht ein „Aber“ bringen: “Aber wir wollen so, aber wir wollen …“ – nein, akzeptiert doch bitte einfach mal, dass es in anderen Kulturen anders ist, als es hier ist, bei uns.
Hast Du den Eindruck, dass auch die Wohnsituation zu Stress und Spannung unter den Bewohner*innen führt?
Ja, das denke ich schon. Ich glaube, dass durch die Situation die meisten Menschen hier sehr angespannt sind. Und ich würde mir sehr wünschen, dass das Miteinander besser funktioniert, dass man gegenseitig mehr Verständnis hat füreinander und auch einfach mal Sachen so nimmt, wie sie sind. Also dieses „Ich habe Recht“, „Nein, ich habe Recht“ ist ein großes Problem. Man muss nicht immer alles verstehen. Man kann auch einfach mal sagen „Ok, ich nehme das so, wie Du mir das sagst und respektiere das“. Dass man einfach auch mehr zuhört, was der andere zu sagen hat.
Hast Du das Gefühl, die Weiße Siedlung ist eine besonders schwierige Gegend?
Nö. Ich denke, dass es mit Sicherheit ähnliche Sachen gibt, also ähnliche Gebiete, nicht nur in Neukölln, nicht nur in Berlin, sondern woanders auch. Ich glaube, Berlin ist noch relativ offen, weil es auch eine große Stadt ist und hier ganz, ganz, ganz viele verschiedene Nationen leben. Und wir sind es eigentlich schon gewohnt, wir haben gelernt, damit zu leben und uns damit auseinanderzusetzen. In einem Bezirk mehr, in dem anderen weniger.
Wie gehst Du persönlich mit Spannungen um?
Och, das hat auch was mit meinem Alter zu tun. Früher habe ich mich über alles aufgeregt und war immer der Meinung, ich müsste alles klären. Inzwischen ist es so, dass ich denke, dass sich viele Sachen auch von alleine klären. Man muss einfach mal den Dingen so ein bisschen Raum geben und sagen, gut, wenn ich das jetzt nicht klären kann, kann ich die ganze Sache vielleicht in einem halben Jahr besser klären. Oder Du wartest einfach ab und guckst, ob die Leute vielleicht in ’nem halben Jahr anders darüber denken. Weil sie andere Erfahrungen gemacht haben oder was auch immer. Manchmal klärt man die Sachen, manchmal klärt man sie nicht.
Aber ich finde, alles, was in Richtung Diskriminierung geht, egal von welcher Seite das kommt, ist einfach nicht in Ordnung, und das sollte man so nicht stehen lassen.
Wäre mehr ehrenamtliches Engagement besser für die Gesellschaft?
Das ist eine gute Frage. Ich werde auch weitermachen, bis zu einem bestimmten Punkt, bis ich merke, dass es an meine persönlichen Grenzen geht, in welcher Form auch immer. Aber ich denke trotzdem, dass, wenn all die Menschen aufhören würden, sich ehrenamtlich zu engagieren, die‘s gerade tun, unsere Regierung ein Problem hätte, definitiv. Und ich finde, man sollte das einfach mehr anerkennen. Also, das ist ehrenamtliche Arbeit, die die Leute von ihrer Freizeit abknöpfen, und ich finde, das sollte man einfach auch mehr wertschätzen und achten. Und auch in der Kiezinitiative: Wir sind nicht so eine Riesengruppe, aber die Leute, die da tätig sind, machen unheimlich viel, egal wer es jetzt ist. Und es ist unglaublich, was da für Zeit und Energie reinfließt. Also, das muss ich schon sagen.
Vielen Dank für das Gespräch!
„Ich kann dazu gar nichts Positives mehr sagen, weil man ständig durch diese ganzen Probleme unter Strom steht“
– Kati*
Kati*, Bewohnerin der Weißen Siedlung, lebt dort seit 27 Jahren und engagiert sich seit langem ehrenamtlich für verschiedene Anliegen in der Siedlung, unter anderem in der Kiez-Initiative Weiße Siedlung.
* Name von der Redaktion geändert.